Patricia from Switzerland

 

 

Tagebuch des Jahres 2025:

 

 


 

 

 

Das Jahr hat recht lebendig begonnen, mit schönen Ausflügen, tollen Erfahrungen und wertvollen Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Über Sommer flachte es dann aber frappant ab, als mir ein bisher treuer und liebgewonnener Weggefährte und Vertrauter von jetzt auf sofort mit der Begründung "keine Lust" konsequent aus dem Weg zu gehen begann. (M)Ein tragender Fixpunkt war weggebrochen. Und meine anderen Freunde sind mit ihren Partnern/innen auf der Piste, weshalb mir umso mehr fehlt, was mir ein Leben lang verwehrt blieb: Eine Partnerschaft, die auf gegenseitigen Werten wie Vertrauen, Respekt, Aufrichtigkeit, Rücksicht, Unterstützung und ehrlichem Interesse basiert. Ehrliches Interesse, miteinander Zeit zu verbringen, die Nähe zu schätzen, Freude am gemeinsam erlebten zu haben.

Das klingt jetzt für viele marginal und unverständlich, doch die Liste an Dingen, die mich erfreuten und verschwunden sind, wird länger und länger. Zum Beispiel wurden im Sommer die herzigen Kabinen der Seilbahn Rigiblick ausser Dienst gestellt und ersetzt, diesen November dann mein Lieblingstram nach knapp unerreichten 40 Dienstjahren ausrangiert (und ich konnte diesem Moment nicht beiwohnen). Die Themen, für es sich aufzustehen lohnt, werden immer rarer. So flüchte ich mich mangels Inhalten halt in die Arbeit, denn diese lenkt mich von der zunehmend inneren Leere ab, denn die Manufaktur scheint mich immerhin noch(!) aufzufangen - zumindest glaube ich Letzeres für den Moment.

Eine weitere Ernüchterung lässt nicht auf sich warten: Über das ganze Jahr haben lediglich zwei(!) Menschen nach meiner Tagebuch-Aktualisierung gefragt. Richtig gelesen, tatsächlich nur zwei Leute. Diese traurige Gewissheit zeigt mir knallhart, eiskalt und ungefiltert auf, dass sich die Welt weit weniger für meine Eskapaden interessiert, als ich in meiner rosa Wolke von Selbstverliebtheit und Selbstverblendung wahrzunehmen glaubte. Auch hier ist mein noch zu glänzen geglaubter Stern am erlöschen, bin ich doch weit weniger interessant, als ich mir aus lauter Euphorie und Selbstgefälligkeit eingebildet hatte. Ja, es wartet wirklich niemand auf mich. Und ohne Leserschaft braucht es auch keine Berichterstattung. Interessiert ja eh kaum jemanden.











Das verrückte 7te Jahr im neuen Leben ist nun vorbei, ich hatte die schönsten Jahre meines Lebens, mich verwirklicht, war aufgeblüht, erfüllte mir unzählige Wünsche. Doch alles hat ein Ende. Der Abstieg vom Zenith hat begonnen, mit einem unangenehmen Anstupf, mit zunehmenden Stolpersteinen, und mit einem stetig grösser werdenden Spiegel an Unzulänglichkeiten, an Unrealisiertem, an Unerreichbarem, an Unerfülltem.

Ich habe meinen Körper geformt, aber auch geschunden und Raubbau daran begangen. Nun kommt die Retourkutsche, ohne Samthandschuhe und ohne Pardon. Ich werde rundlicher, faltiger und unbeweglicher. Der innere Zerfall schreitet voran, da und dort zeigen sich Abnützungen oder Anomalien. Dies wird, aufgrund der (durch in vielen Bereichen zunehmenden Resignation geförderten) Antriebslosigkeit, sowie auch mangels wirklich erstrebenswerten Zielen, fehlendem emotionalem Halt und nicht spürbar ehrlichem Interesse an meiner Person, zusehends zugelassen. Darum bleibt die Arbeit (als Ablenkung) der noch einzige Ort der Freude und somit letzte Zuflucht vor der düsteren Realität. Hier gilt es bis zur Pensionierung zu funktionieren. Schliesslich habe ich das meiner Scheffin versprochen. Ausser Karoshi schlägt vorzeitig erlösend zu...  

Einige intensive und vertiefte Gespräche im verbliebenen Umfeld haben mir bestätigt, dass folgende Glaubenssätze die nüchterne Realität und meine Erfahrungen widerspiegeln:

  - Auf der Welt wartet niemand auf dich, es gibt genug Auswahl und Optionen.
  - Die Welt dreht sich auch ohne dich weiter - gestern, heute und auch morgen.
  - Feste und Veranstaltungen finden auch ohne dich statt, niemand merkt dein Fehlen.
  - Du bist grundsätzlich entbehrlich und innert weniger Wochen am Arbeitsplatz ersetzt.
  - Bob: Die Menschen sind grundsätzlich nur nett zu dir, weil sie etwas von dir wollen.
  - Klaus Kinski: "Jeder Topf hat seinen Deckel" nützt nichts, wenn du nur ein Lappen bist.

Aber
wie oben erwähnt, interessiert es ja eigentlich niemanden. Und wie ein philosophischer Arbeitskollege mir jeweils sagt: "Dann ist es eben so...".

In diesem Sinne mit einer von der Hierarchie erwarteten Positivität: Alles Gute im neuen Jahr, ein gutes und gesundes 2026!







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